Die Geschichte vom unsicheren Osterfest
Im großen Ostergarten, gleich hinter dem Komposthaufen der guten Vorsätze, war viele Jahre ein Osterhase zuständig.
Er erklärte jedes Jahr, die Körbe seien gefüllt, die Nester vorbereitet und alles laufe nach Plan. Niemand durfte die Körbe wiegen. Aber alle sollten an sie glauben.
Der zweite Osterhase war seit kurzem auch auf dem Hof tätig.
Er trug die Körbe, sortierte die übriggebliebenen Eierschalen und reparierte die zerbrochenen Pinsel.
Mehrmals hatte er um Einblick in das Lager gebeten.
Wie viele Eier sind wirklich da?
Welche Versprechen wurden im letzten Jahr gegeben?
Welche Nester müssen diesmal auf jeden Fall beliefert werden?
Doch der Zugang blieb begrenzt.
„Vertrau den Körben“, sagte der erste Hase. „Sie waren immer voll.“
Wie voll genau, blieb sein Geheimnis.
Der Schlüssel zur Scheune hing am Gürtel des Hahns.
Der Hahn wachte darüber wie über seine wichtigste Feder und gab sie nicht aus der Hand.
Er krähte: „Ordnung muss sein“, und meinte damit vor allem Ordnung in seinem Schlüsselbund.
Als das Osterfest näher rückte, legte der erste Osterhase sein Amt nieder.
Mit sofortiger Wirkung.
Er legte auch seinen Pinsel nieder, seine Liste mit Verteilrouten und jede Verantwortung für die Frage, wie viele Eier denn nun wirklich noch da seien.
Damit ging die volle Verantwortung auf den zweiten Osterhasen über.
Was zuvor mühsam erbeten werden musste, wurde jetzt zwingend.
Er musste eine vollständige Übersicht herstellen.
Er musste prüfen, welche Verpflichtungen bestehen.
Er musste bewerten, ob das Osterfest fortgeführt werden kann, also ob noch genug Eier, Farbe und überhaupt Hoffnung vorhanden sind.
Doch mit der Amtsübernahme verschwanden die Blockaden nicht.
Die Scheune blieb verschlossen.
Der Hahn blieb wachsam.
Der Schlüssel blieb dort, wo er immer war, gut sichtbar, aber außer Reichweite.
Der zweite Osterhase fragte nach Beständen.
Nach offenen Verpflichtungen.
Nach Verträgen, die weiterlaufen.
Nach Nestern, die im letzten Jahr ein Eier-Abo versprochen bekommen hatten.
Anstelle belastbarer Antworten entstand eine Kakophonie aus Gegacker.
Einige Hennen erinnerten sich an frühere Jahre mit angeblich überquellenden Nestern.
Andere Hennen stellten neue Forderungen, mehr Körbe, schönere Schleifen, buntere Eier.
Wieder andere planten zusätzliche Verteilrouten in noch entlegenere Gärten und sagten nicht, wer die Eier dafür legen solle.
Doch sie legten keine zusätzlichen Eier.
Sie boten keine Mitarbeit beim Zählen an.
Sie legten keinen Plan vor, der über „Das haben wir immer so gemacht“ hinausging.
Inzwischen waren die Körbe nur noch teilweise gefüllt.
Die Farbe reichte nicht mehr für alle Eier.
Manche Nester würden leer bleiben, auch wenn das offiziell niemand sagen wollte.
Die Verträge mit dem Druckhaus für die bunten Osterplakate liefen weiter.
Die erhöhte Miete für den Hof war verlängert worden, als wären volle Körbe garantiert.
Es waren Verpflichtungen aus vergangenen Entscheidungen, die nun beim zweiten Osterhasen landeten, ohne dass er an ihrer Entstehung beteiligt gewesen war.
Der zweite Osterhase saß abends zwischen halbleeren Farbtöpfen und fragte sich:
Wie soll ich eine Fortführungsprognose für das Osterfest abgeben, wenn ich nicht einmal weiß, wie viele Eier morgen früh im Nest liegen.
Im Handbuch für ordnungsgemäße Osterfeste stand jedenfalls:
Ohne Überblick über Bestände, Verpflichtungen und Möglichkeiten ist jede Prognose nur bemalte Luft.
Um beurteilen zu können, ob das Osterfest fortgeführt werden kann, braucht es vollständige Einsicht, klare Zahlen und gemeinsame Verantwortung.
Wenn der Verantwortliche keinen Zugang zum Lager erhält,
wenn die Hennen nicht liefern,
wenn der Hahn den Schlüssel nicht übergibt,
dann lässt sich keine tragfähige Fortführungsprognose stellen.
Am letzten Abend vor Ostern stand der zweite Osterhase vor der verschlossenen Scheune.
Der Hahn scharrte wichtig im Staub, die Hennen diskutierten über Korbdesigns fürs nächste Jahr.
Der Mond beleuchtete die leeren Körbe und die Farbflecken am Boden.
Und im Ostergarten stellte sich eine Frage, die bisher niemand hatte laut stellen wollen.
Ob das Osterfest organisiert werden kann, war schon lange unklar.
Doch nun stand nicht mehr die Organisation, sondern der Fortbestand selbst zur Debatte.
Disclaimer:
Der vorstehende Text ist eine allegorische Erzählung. Er enthält keine Tatsachenbehauptungen über konkrete Personen oder Vorgänge, sondern beschreibt allgemeine Strukturen und Dynamiken in Organisationen.